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LEITARTIKEL - Im Spiegel der Zeitschriften Nr. 9

Erinnerung, Geschichte und Politik – ein Spannungsfeld, das für Gesprächsstoff sorgt




Arte College d Europe

Paris-Brügge-Natolin, den 13. März 2008


Die Gruppe des Europakollegs
Seit September 2007 wird auf dem Blog Europa im Gespräch drei Monate lang die jeweils folgende Ausgabe von Im Spiegel der Zeitschriften vorbereitet. Dadurch war es möglich, in der Nr. 8 zum Thema „Türkei und Europa“ mehrere Stellungnahmen türkischer Bürger sowie einen Beitrag von Édouard Gaudot1, dem politischen Berater im Europäischen Parlament, über die Geschichtsschreibung in der Türkei zu veröffentlichen. Von Januar bis März 2008 befassten wir uns mit dem Verhältnis von Erinnerung, Geschichte und Politik in acht Ländern: Deutschland, Frankreich, Ungarn, Polen, Litauen, Belgien, Russland und Spanien. All diese Länder sind gerade dabei, ihr Verhältnis zur Vergangenheit neu zu definieren. Wie lassen sich diese Debatten auf europäischer Ebene einordnen? Die Internetnutzer sind der Frage nachgegangen, inwieweit die ferne Vergangenheit das heutige Geschichtsbild beeinflusst, das oft von nationalen Mythen und den beiden Weltkriegen geprägt ist. Weiterhin haben sie die gemeinsamen Wurzeln Europas und deren aktuelle Bedeutung untersucht.

Freunde des Europakollegs haben sich an der Diskussion beteiligt. Der estländische Historiker Marek Tamm erläuterte, dass das Vorhandensein zweier Gemeinschaften mit unterschiedlichen Geschichtsbildern ihres Landes (das eine orientiert sich an der nationalen Geschichte, das andere an Russland) zu schweren Identitätskonflikten in Estland führt. In der Internet-Debatte wurde deutlich, dass in anderen Ländern (z.B. Belgien) eine vergleichbare Situation besteht, und auch die Geschichtsbilder in den verschiedenen Gemeinschaften Europas stark voneinander abweichen. Ebenfalls im Zusammenhang mit den baltischen Staaten befasste sich der Vorsitzende der Vereinigung „Nouvelle Europe“, Philippe Perchoc, mit der Tatsache, dass hier paradoxerweise drei sehr unterschiedliche Länder als eine historische Einheit gesehen werden. Doch gemeinsame Erfahrungen, besonders gleichermaßen erlittenes Unrecht (man denke an Ernest Renans Definition einer Nation) und gemeinsame Feinde (der deutsche Adel und das Russische Reich) haben in diesen Ländern zur Entwicklung eines gemeinsamen Geschichtsverständnisses geführt.

Nach Auffassung der Historikerin Anne-Marie Thiesse sind die modernen Nationen durch Verklärung einer ruhmreichen Vergangenheit entstanden. Es drängt sich die Frage auf, ob Europa ebenso verfahren soll? Hat Europa das nötig? Der Soziologe Georges Mink weist seinerseits darauf hin, wie notwendig und zugleich problematisch eine gemeinsame europäische Sichtweise bestimmter geschichtlicher Ereignisse ist. So betrachteten beispielsweise die neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ihren Beitritt als Wiedergutmachung für die Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, während man in Westeuropa die Erweiterung eher als verfrühtes Geschenk an diese neuen EU-Staaten sah.

Die Ergebnisse dieser ausführlichen Kommentierung des Themas liegen jetzt vor.

Claire A. Poinsignon
Europareferentin
ARTE France

Robert Picht
Inhaber des Lehrstuhls Hendrik Brugmans
Leiter des Programms „Studium generale“
Europakolleg
Standort Brügge

Luis Bouza Garcia
Akademischer Assistent
Projektkoordinator zwischen beiden Europakollegs
Europakolleg
Standort Brügge




An dieser Ausgabe wirkten mit:
Deniz Anan (Deutschland)
Lina Barauskaite (Litauen)
Anna Fülöp (Ungarn)
Irene Fuentetaja Cobas (Spanien)
Geoffrey Grandjean (Belgien)
Nina Löchte (Deutschland)
Laura Mestre Gascón (Spanien)
Anne Morin (Frankreich)
Nicolas Pradalié (Frankreich)
Charlotte Rive (Frankreich)
Vitalija Simkute (Litauen)
Dorota Szeligowska (Polen)
Maria Tomasik (Polen)
Anton Tsygankov (Russland)


Übersetzung: Sprachendienst ARTE Straßburg
Bildrecherchen: Luis Bouza Garcia
Überarbeitung und Einbau der deutschen Fassung: Andrea Krumnow

1 Edouard zufolge will Geremek sich nicht an Initiativen über die Türkei beteiligen.


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Im Spiegel der Zeitschriften Nr. 9,
Erinnerung, Geschichte und Politik – ein Spannungsfeld, das für Gesprächsstoff sorgt
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Update: 13/03/08 | Zum Seitenanfang |

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