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1970
,,In Cannes haben die Abendveranstaltungen nicht mehr den früheren
Glanz, doch es herrscht eine gesellige Atmosphäre. Claude
Sautet und seine Schauspieler Léa Massari, Romy Schneider
und Michel Piccoli machen nach der Vorführung von Die
Dinge des Lebens aus dem Empfang ein rauschendes Fest. Sie
haben einfach das gewisse Etwas, das jedes Fest zu einem unvergesslichen
Ereignis und einen Kreis von Gästen zu Komplizen werden lässt."
(Gérard Pangon, Les Années
Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)
1971
,,Der Pazifist bei den Festspielen ist kein Hippie, sondern ein
70-jähriger Herr namens Dalton Trumbo. Der Schriftsteller
und Drehbuchautor lebte schon immer in Hollywood; 1950 wurde er
- wie so viele andere politisch zur Linken zählende Kollegen
- vom McCarthy-Untersuchungsauschuss auf die schwarze Liste gesetzt.
(...) Johnny zieht in den Krieg ist seine erste und einzige
Regiearbeit, die Verfilmung eines Romans, den er 32 Jahre vorher
geschrieben hatte, ein entsetzlicher und entsetzlich schöner
Film über die Leidensgeschichte eines Soldaten im Ersten
Weltkrieg. Die Hauptfigur hat keine Arme und Beine mehr, ihr fehlen
Kiefer, Zunge und Augen. Der ehemalige Soldat möchte, dass
man ihn den Menschen zeigt, damit sie die Schrecken des Krieges
begreifen. Man hatte vorher schon harte und gewaltvolle Filme
gesehen, aber noch nie so etwas Brutales."
(Gérard Pangon, Les Années
Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)
1972
,,Gestern im Großen Saal des Palasts erntete Groucho Marx
mit seiner Baskenmütze, dem scharlachroten Wams und dem blauen
Jackett vom Publikum einen begeisterten, herzlichen Beifall; als
der Vorhang aufging für Die Marx Brothers in der Oper,
sollte der Leiter der Filmfestspiele, Herr Favre Le Bret, dem
letzten noch lebenden Marx Brother die ,Cravate des Arts et Lettres'
überreichen. (...) Pierre Tchernia sprach über Grouchos
besonderen Sinn für Humor und zitierte seinen unvergessenen
Ausspruch, als er einen Arzt spielte, der einem Patienten den
Puls misst: Entweder ist dieser Mann tot oder mein Pulsmesser
ist stehengeblieben!'
(Mario Brun, Auszug aus Nice-Matin vom
13. - 17. Mai 1972)
1973
,,Bei Das große Fressen spucken die Kritiker
Gift und Galle: Das große Fressen, in dem sich Marcello
Mastroianni, Ugo Tognazzi, Michel Piccoli und Philippe Noiret
zu Tode essen, wird von der Presse und zahlreichen Zuschauern
als Fäkalfilm', bezeichnet und mit Attributen bedacht, die
von abscheulich' und widerlich' bis hin zu äkelerregend'
reichen. Nach der Vorführung werden der Regisseur und die
Schauspieler beschimpft; Marco Ferreri lässt sich jedoch
nicht aus der Ruhe bringen: Mit seiner Provokation hat er genau
das erreicht, was er wollte: Seine Art, der Gesellschaft ihre
eigenen Exkremente vor Augen zu führen, hat Filmgeschichte
geschrieben."
(Gérard Pangon, Les Années
Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)
1974
La Quinzaine des Réalisateurs
,,Ich erinnere mich an einen amerikanischen Regisseur und seinen
Hauptdarsteller, die kein einziger Fernsehsender interviewen wollte,
da sie kein Französisch sprachen: Hexenkessel von
Martin Scorsese mit Robert de Niro lief als Eröffnungsfilm.
Der Film kam zwar sehr gut an, doch für die beiden Künstler
interessierte sich niemand. Das war mir so peinlich, dass ich
mit ihnen einen Cannes-Rundgang machte. Später vertraute
mir Scorsese einmal an, dass dies die erholsamsten Festspiele
waren, die er je erlebt hatte!"
( Pierre-Henri Deleau, Gründer der ,,Quinzaine",
siehe Première)
1975
,,Die zahlreichen Schauspieler, die bei den Filmfestspielen anwesend
sind, sorgen wieder für mehr Glamour, die Besucherzahl steigt
- trotz der Bombendrohungen. Die erste Bombe explodiert am Vorabend
der Eröffnung neben dem Festivalpalast und bringt zahlreiche
Scheiben zum Bersten; beim zweiten Bombenanschlag wird die Villa
von Marc Dassault beschädigt. Zum dritten bekennt sich ein
,Komitee für den Volkskampf gegen die Perversion des Volkes',
von dem man später nie wieder etwas hört. Schließlich
findet man einen Bombenleger, den seine eigene Bombe in der Luft
zerrissen hat. Die Starlets nehmen wieder ihre Posen ein, die
Paparazzi zücken wieder ihre Kameras."
(Gérard Pangon, Les Années
Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)
1976
,,Robert
de Niro ist wieder nach Cannes gekommen, diesmal, um Scorseses
Taxi Driver vorzustellen: Im Film trägt er einen Irokesenschnitt
und spielt eine von Waffen und Gewalt faszinierte, in ihrer tragischen
Einsamkeit beeindruckende Figur. Tennesse Williams, der Leiter
der Jury, sagte nach dem Film: ,So viel Gewalt zu sehen, ist schwer.
Man muss Gewalt andeuten, da sie ein Bestandteil unserer Gesellschaft
ist, doch ich glaube nicht, dass man mit der Kamera solch unsägliche
Grausamkeiten festhalten sollte.' Doch trotz seiner Kritik gewinnt
der Film die Goldene Palme. Mr. Klein hingegen wird nicht
ausgezeichnet, und jeder fragt sich wohl, warum."
(Gérard Pangon, Les Années
Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)
1977
,,Selten war das Festival so gut besucht, mittlerweile muss man
bei den Vorführungen der ,Quinzaine' schon eine halbe Stunde
vorher da sein, es ist wirklich verrückt! Die Besucher, die
schon seit 20 Jahren kommen, geben sich ihrer Nostalgie hin -
was die Neuen aufregt und neidisch macht. Früher regierten
noch nicht die Presseattachés, sondern es herrschte eine
Feststimmung, man hatte auch noch andere Dinge als Arbeit im Sinn.
Ab und zu kommt die glorreiche Vergangenheit wieder zutage ...
man lässt sich von legendären Begebenheiten berichten,
von der Blütezeit des Carlton, das so etwas wie ein Staat
im Staat ist, von der großen Zeit der amerikanischen Stars,
auf die dann die Starlets folgten. Vor uns kamen dann die großen
Regisseure, was aber noch lange nicht heißt, dass nun die
Zeit der großen Filme angebrochen wäre ... Wo bleiben
diese Filme bloß?"
(Claire Devarrieux, Le Monde, 17. Mai
1977)
1978
,,Bei den Filmfestspielen konzentriert man sich auf das Wesentliche,
auf Qualität, die mehr zählt als Glamour. Man blickt
mit Zuversicht in die Zukunft. Der Mann aus Marmor von
Andrzej Wajda, ein visionärer Film über den Zorn und
das Bedürfnis nach Emanzipation, überrascht. Der Film
stellt auf schonungslose Art Jahrzehnte offizieller Geschichtsschreibung
in Frage und eröffnet den polnischen Regisseuren neue Perspektiven."
(Gérard Pangon, Les Années
Festival , Arte Editions/ Mille et une Nuits)
1979
,,Francis Ford Coppola stellt Apocalypse Now vor. Als der
Cineast in Cannes eintrifft, wird deutlich, dass die amerikanisch-italienischen
Familien nicht nur in Filmen im Clan auftreten: Coppola ist mit
Frau und Kindern und einer ganzen Horde naher und entfernter Verwandter
angereist; eine fröhliche Schar, die bei den Proben vor der
offiziellen Premiere innerhalb kürzester Zeit den Vorführraum
okkupiert. Jeder äußert seine Meinung, der Toningenieur
bastelt in seiner Ecke vor sich hin, wie auch der Kameramann,
der Cutter schneidet hie und da noch kleine Stücke ... und
Coppola gibt die Anweisungen. Seit Monaten schon lässt ihn
der Film nicht mehr los. (...) Die Hölle, die er im Film
zeigt, lässt ihn nicht mehr los, Cannes soll ihn für
die lange Zeit voller Zweifel und harter Arbeit entschädigen.
Als ob das innerhalb weniger Minuten ginge! Das Ganze ist pathetisch
und lächerlich, grandios und beunruhigend, unglaublich und
verrückt."
(Gérard Pangon, Les Années
Festival , Arte Editions/ Mille et une Nuits)
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