Cannes – Aus dem Nähkästchen geplaudert
1960 Cannes 1960
1961 Cannes 1961

1962

 

Cannes 1962
1963 Cannes 1963

1964

Cannes 1964
1965 Cannes 1965
1966 Cannes 1966
1967 Cannes 1967
1968 Cannes 1968
1969

Cannes 1969

 

1960 ,,Neben Ben Hur wirkte Sonntags nie wie ein Low-Budget-Film, doch das Publikums reagierte enthusiastisch. Jules Dassin, Melina Mercouri und ihre Gäste tanzten auf die Melodie von ,Kinder von Pyräus' bis in die frühen Morgenstunden Sirtaki und warfen ihre geleerten Gläser auf den Boden. Ein rauschendes Fest mit 500 Flaschen Ouzo (eine pro Gast), Retsina, Moussaka, getrocknetem Fisch, Oliven und Dolmas. Am nächsten Morgen lagen etwa tausend GlŠser zerschmettert am Boden."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1961 ,,Seit Das süße Leben - dem Gewinner der Goldenen Palme im vergangenen Jahr - ist der Name ,Paparazzo', den Fellini dem Fotografen im Film gegeben hat, zum Synonym für einen aufdringlichen Skandalreporter überhaupt geworden. Für die Paparazzi ist Cannes ein einziges Fest: Die Italienerinnen übertreffen sich gegenseitig an Eleganz und ziehen immer mehr Menschen an."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1962 ,,Für die Anhänger des Autorenkinos ist die Vorführung von Procès de Jeanne d'Arc von Robert Besson ein Ereignis. Der Vorspann ist zunächst mit Trommelwirbeln unterlegt - danach herrscht unvermittelt völlige Stille: Auftritt der Gefangenen, von der man kein Gesicht, sondern nur die zusammengeketteten Hände sieht. Man hört ihre Stimme: ,Mein Name ist Jeanne. Ich bin 19 Jahre alt'. Sie spricht mit ruhiger, entschiedener Stimme- die Zuschauer halten den Atem an: Dies ist eine andere Art von Kino, nüchterner, auf das Wesentliche reduziert. Schockierend!! Otto Preminger sagte zu Robert Bresson: ,Jeder von uns hat seine Jeanne, aber Ihre ist die Bessere'."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1963 ,,Am 9. Mai steht die Croisette im Zeichen von Hitchcocks Die Vögel. Sir Alfred und seine Hauptdarstellerin Tippi Hedren lassen auf den Stufen des Festivalpalasts Dutzende eigens zu diesem Zweck herbeigeschaffter Tauben aus ihren Körben fliegen. Ein weißer Taubenschwarm erhebt sich gen Himmel: Ein wunderschöner und poetischer Anblick. Plötzlich hackt eines der Tiere auf Hitchcocks Auge ein. Er kommt gerade noch mit einer Schürfwunde davon, doch nach der Filmvorführung werden einige Zuschauer von Alpträumen geplagt."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1964 wird Sophia Loren für die Eröffnungsgala und die Vorführung The Fall of the Roman Empire erwartet; am Flughafen von Nizza weigert sie sich, die für sie bereitgestellte Quadriga zu besteigen.

1965 ,,Zum ersten Mal steht eine Frau, die englische Schauspielerin Olivia de Havilland, an der Spitze der Jury. Ausgezeichnet werden die beiden Schauspieler aus Der Fänger von William Wyler, Samantha Eggar und Terence Stamp - damit gehören die englischen Schauspieler endgültig zum erlauchten Kreis der Stars von Cannes."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1966 ,,Noch nie ist ein so junger Regisseur in Cannes ausgezeichnet worden: Claude Lelouch ist gerade 28 Jahre alt, als er einen Preis für Ein Mann und eine Frau erhält
( Cahiers du Cinéma, Sonderheft ,,Histoires de Cannes ", avril 1997)

1967 ,,Eine Hommage an Michel Simon. Dieser ruft seinen jungen Kollegen Alain Cohen auf die Bühne und bedauert zutiefst, dass Der alte Mann und das Kind keinen Preis erhalten habe. Brigitte Bardot gesellt sich zu ihnen, er gibt ihr einen Handkuss, sie ihm einen Kuss und alle sind aus dem Häuschen. Der Schauspieler schluckt seinen Groll herunter, das Publikum hat nur Augen für die Bardot. Keiner denkt mehr an Boudu aus den Wassern gerettet, L'Atalante, Sonderbarer Fall, Fric-Frac, Hafen im Nebel und Die Passion der Jungfrau von Orléans! Vierzig Jahre Kino sind mit einem Schlag vergessen! In Cannes zählt nur der Glanz des Augenblicks. Cannes, das war schon immer diese charakteristische Mischung aus Kunst und Glamour, die das Festival so attraktiv macht; und schließlich siegt auf der Croisette der Schein immer über das Sein."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1968 ,,Am 18. Mai beginnt die zweite Hälfte der Filmfestspiele mit einem riesigen Tumult im großen Saal. Man ist sich unsicher, ob man die Vorführungen unterbrechen soll oder nicht. Das Licht geht aus, der Vorhang öffnet sich. Carlos Saura und seine Gefährtin Géraldine Chaplin klammern sich an den Vorhang, um die Vorführung ihres Films Peppermint frappé zu verhindern. Die Vorstellung fällt aus. Die Demonstranten sperren sich in den kleinen Jean-Cocteau-Saal ein, wo eine Marathondiskussion beginnt - u.a. mit dem perplexen Claude Lelouch, mit Jean-Luc Godard und François Truffaut, die völlig außer sich sind, und mit den Rebellen Louis Malle und Roman Polanski."
( Pierre Billard, Le Festival de Cannes, d'or et de palmes, Découvertes Gallimard)

1969 ,,Bei den Pressekonferenzen drängeln sich die Zuhörer; für die Regisseure und ihre Teams sind diese Termine, bei denen es manchmal äußerst leidenschaftlich und kontrovers zugeht, unumgänglich. Der Regisseur von Z, Costa Gravas, wird von einem Journalisten beschuldigt, das Sujet des Films mit seinem Staraufgebot in den Hintergrund zu drängen. Yves Montand antwortet auf diesen Vorwurf gereizt: "Wir haben genug davon, für altes Eisen gehalten zu werden. Dieser Film findet in der ganzen Welt Beachtung. Ohne uns wäre der Film überhaupt nie entstanden." Danach steht er auf und verlässt den Raum."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

 

Cannes – Aus dem Nähkästchen geplaudert
1970 Cannes 1970
1971 Cannes 1971
1972 Cannes 1972
1973 Cannes 1973
1974 Cannes 1974
1975 Cannes 1975
1976 Cannes 1976

1977

Cannes 1977

1978

Cannes 1978
1979 Cannes 1979

1970 ,,In Cannes haben die Abendveranstaltungen nicht mehr den früheren Glanz, doch es herrscht eine gesellige Atmosphäre. Claude Sautet und seine Schauspieler Léa Massari, Romy Schneider und Michel Piccoli machen nach der Vorführung von Die Dinge des Lebens aus dem Empfang ein rauschendes Fest. Sie haben einfach das gewisse Etwas, das jedes Fest zu einem unvergesslichen Ereignis und einen Kreis von Gästen zu Komplizen werden lässt."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1971 ,,Der Pazifist bei den Festspielen ist kein Hippie, sondern ein 70-jähriger Herr namens Dalton Trumbo. Der Schriftsteller und Drehbuchautor lebte schon immer in Hollywood; 1950 wurde er - wie so viele andere politisch zur Linken zählende Kollegen - vom McCarthy-Untersuchungsauschuss auf die schwarze Liste gesetzt. (...) Johnny zieht in den Krieg ist seine erste und einzige Regiearbeit, die Verfilmung eines Romans, den er 32 Jahre vorher geschrieben hatte, ein entsetzlicher und entsetzlich schöner Film über die Leidensgeschichte eines Soldaten im Ersten Weltkrieg. Die Hauptfigur hat keine Arme und Beine mehr, ihr fehlen Kiefer, Zunge und Augen. Der ehemalige Soldat möchte, dass man ihn den Menschen zeigt, damit sie die Schrecken des Krieges begreifen. Man hatte vorher schon harte und gewaltvolle Filme gesehen, aber noch nie so etwas Brutales."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1972 ,,Gestern im Großen Saal des Palasts erntete Groucho Marx mit seiner Baskenmütze, dem scharlachroten Wams und dem blauen Jackett vom Publikum einen begeisterten, herzlichen Beifall; als der Vorhang aufging für Die Marx Brothers in der Oper, sollte der Leiter der Filmfestspiele, Herr Favre Le Bret, dem letzten noch lebenden Marx Brother die ,Cravate des Arts et Lettres' überreichen. (...) Pierre Tchernia sprach über Grouchos besonderen Sinn für Humor und zitierte seinen unvergessenen Ausspruch, als er einen Arzt spielte, der einem Patienten den Puls misst: Entweder ist dieser Mann tot oder mein Pulsmesser ist stehengeblieben!'
(Mario Brun, Auszug aus Nice-Matin vom 13. - 17. Mai 1972)

1973 ,,Bei Das große Fressen spucken die Kritiker Gift und Galle: Das große Fressen, in dem sich Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi, Michel Piccoli und Philippe Noiret zu Tode essen, wird von der Presse und zahlreichen Zuschauern als Fäkalfilm', bezeichnet und mit Attributen bedacht, die von abscheulich' und widerlich' bis hin zu äkelerregend' reichen. Nach der Vorführung werden der Regisseur und die Schauspieler beschimpft; Marco Ferreri lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen: Mit seiner Provokation hat er genau das erreicht, was er wollte: Seine Art, der Gesellschaft ihre eigenen Exkremente vor Augen zu führen, hat Filmgeschichte geschrieben."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1974 La Quinzaine des Réalisateurs
,,Ich erinnere mich an einen amerikanischen Regisseur und seinen Hauptdarsteller, die kein einziger Fernsehsender interviewen wollte, da sie kein Französisch sprachen: Hexenkessel von Martin Scorsese mit Robert de Niro lief als Eröffnungsfilm. Der Film kam zwar sehr gut an, doch für die beiden Künstler interessierte sich niemand. Das war mir so peinlich, dass ich mit ihnen einen Cannes-Rundgang machte. Später vertraute mir Scorsese einmal an, dass dies die erholsamsten Festspiele waren, die er je erlebt hatte!"
( Pierre-Henri Deleau, Gründer der ,,Quinzaine", siehe Première)

1975 ,,Die zahlreichen Schauspieler, die bei den Filmfestspielen anwesend sind, sorgen wieder für mehr Glamour, die Besucherzahl steigt - trotz der Bombendrohungen. Die erste Bombe explodiert am Vorabend der Eröffnung neben dem Festivalpalast und bringt zahlreiche Scheiben zum Bersten; beim zweiten Bombenanschlag wird die Villa von Marc Dassault beschädigt. Zum dritten bekennt sich ein ,Komitee für den Volkskampf gegen die Perversion des Volkes', von dem man später nie wieder etwas hört. Schließlich findet man einen Bombenleger, den seine eigene Bombe in der Luft zerrissen hat. Die Starlets nehmen wieder ihre Posen ein, die Paparazzi zücken wieder ihre Kameras."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1976 ,,Robert de Niro ist wieder nach Cannes gekommen, diesmal, um Scorseses Taxi Driver vorzustellen: Im Film trägt er einen Irokesenschnitt und spielt eine von Waffen und Gewalt faszinierte, in ihrer tragischen Einsamkeit beeindruckende Figur. Tennesse Williams, der Leiter der Jury, sagte nach dem Film: ,So viel Gewalt zu sehen, ist schwer. Man muss Gewalt andeuten, da sie ein Bestandteil unserer Gesellschaft ist, doch ich glaube nicht, dass man mit der Kamera solch unsägliche Grausamkeiten festhalten sollte.' Doch trotz seiner Kritik gewinnt der Film die Goldene Palme. Mr. Klein hingegen wird nicht ausgezeichnet, und jeder fragt sich wohl, warum."
(Gérard Pangon, Les Années Festival, Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1977 ,,Selten war das Festival so gut besucht, mittlerweile muss man bei den Vorführungen der ,Quinzaine' schon eine halbe Stunde vorher da sein, es ist wirklich verrückt! Die Besucher, die schon seit 20 Jahren kommen, geben sich ihrer Nostalgie hin - was die Neuen aufregt und neidisch macht. Früher regierten noch nicht die Presseattachés, sondern es herrschte eine Feststimmung, man hatte auch noch andere Dinge als Arbeit im Sinn. Ab und zu kommt die glorreiche Vergangenheit wieder zutage ... man lässt sich von legendären Begebenheiten berichten, von der Blütezeit des Carlton, das so etwas wie ein Staat im Staat ist, von der großen Zeit der amerikanischen Stars, auf die dann die Starlets folgten. Vor uns kamen dann die großen Regisseure, was aber noch lange nicht heißt, dass nun die Zeit der großen Filme angebrochen wäre ... Wo bleiben diese Filme bloß?"
(Claire Devarrieux, Le Monde, 17. Mai 1977)

1978 ,,Bei den Filmfestspielen konzentriert man sich auf das Wesentliche, auf Qualität, die mehr zählt als Glamour. Man blickt mit Zuversicht in die Zukunft. Der Mann aus Marmor von Andrzej Wajda, ein visionärer Film über den Zorn und das Bedürfnis nach Emanzipation, überrascht. Der Film stellt auf schonungslose Art Jahrzehnte offizieller Geschichtsschreibung in Frage und eröffnet den polnischen Regisseuren neue Perspektiven."
(Gérard Pangon, Les Années Festival , Arte Editions/ Mille et une Nuits)

1979 ,,Francis Ford Coppola stellt Apocalypse Now vor. Als der Cineast in Cannes eintrifft, wird deutlich, dass die amerikanisch-italienischen Familien nicht nur in Filmen im Clan auftreten: Coppola ist mit Frau und Kindern und einer ganzen Horde naher und entfernter Verwandter angereist; eine fröhliche Schar, die bei den Proben vor der offiziellen Premiere innerhalb kürzester Zeit den Vorführraum okkupiert. Jeder äußert seine Meinung, der Toningenieur bastelt in seiner Ecke vor sich hin, wie auch der Kameramann, der Cutter schneidet hie und da noch kleine Stücke ... und Coppola gibt die Anweisungen. Seit Monaten schon lässt ihn der Film nicht mehr los. (...) Die Hölle, die er im Film zeigt, lässt ihn nicht mehr los, Cannes soll ihn für die lange Zeit voller Zweifel und harter Arbeit entschädigen. Als ob das innerhalb weniger Minuten ginge! Das Ganze ist pathetisch und lächerlich, grandios und beunruhigend, unglaublich und verrückt."
(Gérard Pangon, Les Années Festival , Arte Editions/ Mille et une Nuits)