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Bunte Revolutionen Orangen, Tulpen und Rosen geben häufig Revolutionen ihren Namen. Auf diese poetische Weise werden insbesondere die sanften, unblutigen Regimewechsel in mehreren Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR bezeichnet. Die so genannten Bunten Revolutionen haben Schule gemacht und sind zum Kredo vieler Oppositionsbewegungen geworden.Georgien, 22. November 2003: Tausende von Gegnern des Präsidenten Eduard Schewardnadse belagern das Nationalparlament. Mit einer Rose in der Hand zum Zeichen der Gewaltlosigkeit fordern sie, dass die Parlamentswahlen vom Monatsanfang für ungültig erklärt werden. Internationale Beobachter hatten Wahlbetrug festgestellt. Der Präsident ruft den Notstand aus, aber die Armee greift nicht ein. Am nächsten Tag verhandelt Schewardnadse mit den Oppositionsparteien über seinen Rücktritt. Die umstrittenen Wahlen werden für ungültig erklärt. Bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen im Januar 2004 wird der junge Revolutionsführer Michail Saakaschwili zum Staatspräsidenten Georgiens gewählt. Diese revolutionäre Bewegung verlief völlig unblutig. Sie ging als Rosenrevolution in die Geschichte ein. Schluss mit dem sowjetischen Modell Dieses Szenario wirkte beispielgebend. Fast genau gleich wiederholte es sich Ende 2004 in der Ukraine mit der Orangen Revolution und im März 2005 in Kirgisien mit der Tulpenrevolution. Georgien, die Ukraine und Kirgisien hatten ihre Unabhängigkeit 1991 im Rahmen der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) erlangt. Eine sehr relative Unabhängigkeit, denn die Führer dieser jungen Staaten hatten eine starke sowjetische Prägung: Der Georgier Eduard Schewardnadse war unter Michail Gorbatschow sogar Außenminister gewesen. Sie errichteten starke Präsidialregime mit korruptem Staatsapparat – kein günstiges Vorzeichen für einen politischen Wechsel. In allen GUS-Staaten wuchsen auf diesem Nährboden Unmut und Enttäuschung einer ganzen Generation: der zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung rund Zwanzigjährigen, die von einem radikalen Wechsel geträumt hatten. Doch schon bald fühlten sie sich betrogen und begannen, sich für eine Veränderung einzusetzen. Diese „neuen Revolutionäre“ sind nach Einschätzung des auf Osteuropa und Russland spezialisierten Journalisten Alain Guillemoles* oft „pro-westlich und sogar pro-europäisch eingestellte Akademiker“. Viele von ihnen kämen aus NRO-Kreisen, wo sich die Opposition formiert habe. Revolutionsseminare Obwohl diese Bewegungen recht spontan wirkten, sind sie, wie alle Revolutionen, das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitungen. Die jungen Revolutionäre aus dem Osten hatten ein Vorbild, dass nicht Che Guevara und schon gar nicht Lenin hieß. Sie orientierten sich an der serbischen Studentenorganisation Otpor (serbisch: „Widerstand“), die 2000 aktiv am Sturz von Slobodan Milosevic beteiligt war. In den folgenden Monaten beschlossen einige Otpor-Veteranen, ihre Erfahrungen insbesondere an die Oppositionellen der neuen Republiken in Osteuropa weiterzugeben. Die Teilnahme an diesen Schulungsseminaren verhalf vielen Revolutionslehrlingen aus Georgien und der Ukraine zum Erfolg. Oberster Grundsatz der Otpor-Philosophie ist die Gewaltlosigkeit, verbunden mit der Verwendung wirksamer Symbole wie der Verteilung von Blumen an die Sicherheitskräfte.Der zweite Grundsatz lautet: Schwächung von Armee, Polizei und staatlichen Medien. Einige Studenten setzten politisches Marketing ein, das sie bei ihrem Auslandsstudium kennen gelernt hatten: starke Propaganda mit kurzen, einprägsamen Slogans, um die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen und die Regierung zu destabilisieren. Die Mittel reichen von traditioneller Plakatwerbung über Graffiti-Kampagnen und massive Internet-Nutzung bis hin zu Solidaritätskonzerten. Um nicht allein dazustehen, holte sich Otpor für seine Revolution auch bei der Europäischen Union und den NRO’s Unterstützung. Das Auge Moskaus und Washingtons Da einige der GUS-Staaten über beachtliche Bodenschätze verfügen, verfolgt die internationale Gemeinschaft mit größter Aufmerksamkeit, wie sich dort die politische Landschaft verändert. Von erstrangiger strategischer Bedeutung ist die Region auch als „Energieautobahn“ für die Durchleitung des russischen Erdgases und des iranischen Erdöls. Kein Wunder also, dass Russland und die USA – wie zur Zeit des Kalten Krieges – einander den Einfluss auf diese Staaten streitig machen. Washington fördert beispielsweise einige revolutionäre Bewegungen und nähert sich systematisch den Ländern an, die endgültig mit dem großen Bruder Russland brechen wollen. Aber die amerikanische Interventionspolitik hat ihre Grenzen. In Kasachstan und Aserbaidschan, wo die Opposition ebenfalls ihre Bunte Revolution vorbereitet, ist die Lage durch die ungeheuren Erdölvorräte sehr brisant geworden. Politische Unruhen können die Märkte durcheinander bringen oder sogar die Versorgung gefährden. Auch wenn die dort herrschenden Regierungen wahrlich keine Musterschüler der Demokratie sind, setzt Washington lieber auf Stabilität. Auf russischer Seite beobachtet man mit Sorge und sogar Verärgerung, dass einige dieser Staaten zum Westen überlaufen. Das Erdgas wird also gleichermaßen als Waffe benutzt, um die abtrünnigen Länder zu bestrafen, die guten Schüler zu belohnen und die Revolutionskandidaten zu warnen. Während der russische Gasversorger Gasprom im Winter den Gaspreis für die Ukraine verfünffachte, verschonte er einzig und allein die russlandtreue Republik Weißrussland. Wladimir Putin seinerseits sieht mit großer Besorgnis, dass im eigenen Land ein Aufstand drohen könnte. „Er weiß, dass viele junge Russen einen politischen Wechsel wollen, aber nicht sicher sind, ihn auf demokratischem Wege zu erreichen“, schreibt Alain Guillemoles. Daher habe Putin Sondereinheiten zur Bekämpfung solcher Bestrebungen gebildet. Auch unterstütze er die Bewegung Naschi (Die Unseren), eine Vereinigung nationalistischer, antirevolutionärer junger Russen. Ungewisse Zukunft Welcher Zukunft sehen die Bunten Revolutionen entgegen? Gegenwärtig sieht es in den drei Ländern, die den Machtwechsel vollzogen haben, keineswegs rosig aus. In der Ukraine beispielsweise strebt Präsident Juschtschenko mit guten Aussichten eine vertiefte EU-Partnerschaft an und hat den Kampf gegen die Korruption aufgenommen. Aber die Streitigkeiten zwischen den ehemaligen Führern der Orangen Revolution, die im September 2005 zur Entlassung von Ministerpräsidentin Julia Timoschenko führten, und die aktuellen Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung haben das Image des neuen Regimes beschädigt. In den anderen GUS-Ländern, in denen sich eine Revolution anbahnen könnte, wird die Opposition scharf überwacht. Der Überraschungseffekt zieht nicht mehr, wie es der fehlgeschlagener Umsturzversuch des weißrussischen Oppositionsführers Aleksandr Milinkjewitsch bei den Wahlen im März 2006 zeigte. Vor allem aber sind „derartige Versuche in den Ländern, in denen es nicht einmal ein Minimum an Freiheiten gibt, wo die Medien vollkommen vom Staat kontrolliert werden und die Opposition keinen Kandidaten stellen darf, von vornherein zum Scheitern verurteilt“, wie A. Guillemoles nachweist. Offenkundige Beispiele dafür sind der Polizeistaat des turkmenischen Präsidenten auf Lebenszeit, Saparmurat Nijasow, oder die Zwangsherrschaft des usbekischen Präsidenten Islam Karimow, der nach der georgischen „Rosenrevolution“ sämtlichen NRO’s die Einreise nach Usbekistan verwehrte. Die Welle der Bunten Revolutionen wird vielleicht noch hie und da überschwappen, aber es wird ihr wohl kaum gelingen, die gesamte Region zu erfassen. Damien Wanner *Alain Guillemoles arbeitet als Journalist für die französische katholische Tageszeitung La Croix. Er berichtete dort insbesondere über die ukrainische Revolution. In der deutschsprachigen Ausgabe von Le Monde Diplomatique erschien von ihm im Dezember 1996 der Artikel „Die Ukraine sträubt sich“. Im Mai 2005 veröffentlichte er das Buch Même la neige était orange: la révolution ukrainienne (Éditions Les Petits Matins).
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