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Bernard Stora



Interview mit dem Regisseur Bernard Stora über seinen Film „Charles de Gaulle – Ich bin Frankreich!“ (Frankreich 2005)

Bevor er selbst das Zepter in die Hand nahm, war Bernard Stora Regieassistent bei Jean Eustache, Jean-Pierre Melville, Gérard Oury und John Frankenheimer. Stora wechselt zwischen Kino (Le jeune marié, Consentement mutuel, Un dérangement considérable) und Fernsehen (Demain et tous les jours après, Suzie Berton). Sein Film über Charles de Gaulle ist eine Mischung aus dokumentierter Wirklichkeit und Spielfilmszenen. Er verbindet Anekdotisches und Historisches zu einem originellen Mix, der Einblick in die Persönlichkeit des großen Politikers und Menschen Charles de Gaulle bietet. Gleichsam Erinnerungen und Rückblick in einem.
“De Gaulle sagte einmal: „Jeder war, ist oder wird früher oder später Gaullist“, und fügte mit einem Anflug von Ironie hinzu: Ich würde nicht ausschließen, dass selbst Marschall Pétain in gewisser Weise einer war.“ Fest steht, dass dem General die Aura der Unsterblichkeit anhaftet. Er gilt bis heute als ein herausragender Politiker, der selbst denjenigen, die zu jung sind, um sich an ihn zu erinnern oder nach seiner Zeit geboren wurden oder denen, die ihn einst bekämpften, eine Mischung aus Wehmut und Respekt einflößt.


„Charles de Gaulle – Ich bin Frankreich“ beleuchtet diese in jeder Hinsicht imposante Persönlichkeit und geht der Frage nach, auf welche Art und in welcher Form Charles de Gaulle Frankreich und seine Bewohner so nachhaltig geprägt hat. Was war das Besondere an de Gaulle? Wer war er? Wie war er? Wie lebte er in der Abgeschiedenheit seines Landsitzes im nordostfranzösischen Colombey-les-Deux-Eglises? Wie deutete er die historischen Ereignisse, deren Zeuge er war oder an deren Gestaltung er persönlich Anteil nahm?

Ihre Stimme aus dem Off deutet an, dass es sehr persönliche Gründe für diesen Film gab…
Wie Sie vielleicht wissen, stammt die Idee zu diesem Film von meinem Produzenten Pierre Guérin. 1979 arbeitete Guérin als Journalist und besuchte de Gaulles Landsitz La Boisserie in Colombey-les-Deux-Eglises. Guérin fragte sich, warum de Gaulle, der vom Schicksal dazu bestimmt war, große Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen, sich ausgerechnet dieses spartanische, kalte, einsame Gemäuer als Rückzugsort aussuchte und wie er dort die zwölf Jahre währende „Durststrecke“ bis zu seiner Rückkehr an die Macht 1958 gelebt haben mochte. Ich habe Guérins Fragen aufgegriffen und mich entschlossen, den Film um diese zentrale Periode in de Gaulles Leben herum aufzubauen und zu versuchen, mit Hilfe von Fiktion und Fantasie, das Geheimnis seiner Persönlichkeit zu enträtseln. Ich entschied mich auch, alle Kommentare selbst zu sprechen, um damit den subjektiven Charakter des Films zu unterstreichen. Charles de Gaulle – Ich bin Frankreich! ist keine klassische Biographie einer historischen Person, sondern eine intuitive, schrittweise Annäherung an den Menschen de Gaulle, so wie ich ihn mir vorstelle.

Welche Lehren, welche Schlüsse zog de Gaulle aus dieser Zeit des politischen Rückzugs?
Man kann davon ausgehen, dass de Gaulle seinen erzwungenen Rückzug genutzt hat, um das politische Handwerk zu lernen. Diese Auffassung teilt auch sein Weggefährte Jacques Baumel, mit dem ich mich lange unterhalten habe. Als de Gaulle 1946 zurücktrat, war er nicht fähig, Kompromisse einzugehen. Er tat sich sehr schwer zu vermitteln oder zu taktieren, war ungeduldig und von einer zuweilen brutalen Direktheit. Nach seiner Rückkehr an die Macht 1958 war er wie verwandelt. Plötzlich legte er erstaunlich viel politisches Geschick an den Tag. Denken Sie nur an sein erstes Kabinett. Er berief den Links-Gaullisten André Malraux, den Sozialisten Guy Mollet, den Gaullisten Michel Debré und den konservativen Republikaner Antoine Pinay. Eine Regierungsmannschaft aus Anhängern und Gegnern zu bilden, war ein politisches Meisterstück.

Der Film rankt sich um diese Zeit des Lernens, in der sich der Wandel vom unnachgiebigen Widerstandskämpfer der 1940er Jahre zum gewieften Politiker der 1960er Jahre vollzog. Der Weg dorthin wird in verschiedenen Rückblenden nachvollzogen. Im ersten Teil geht es vor allem um de Gaulles freiwilliges Exil: 1940, als er Frankreich ohne seine Familie verließ, um von London aus im Widerstand tätig zu sein, und sein Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten 1946. Der zweite Teil befasst sich vorwiegend mit seiner Fähigkeit zur Selbstbehauptung (gegenüber den Alliierten auf der Konferenz von Casablanca 1943 und nach seiner Rückkehr an die Regierungsspitze 1958).

Woraus bestand die Vorbereitung zu diesem Film?
Anfang 2003 haben wir - d.h. Jean-Pierre Guérin und Véronique Marchat, die beiden Produzenten, Sonia Moyersoen, literarische Leiterin bei GMT und ich - zunächst den groben Rahmen festgesteckt. Wir waren nur eine Handvoll Leute, haben uns jedoch in Abstimmung mit unseren Partnern France 2 und ARTE voller Begeisterung an die Arbeit gemacht. Ende April-Anfang Mai habe ich eine Art Leitfaden geschrieben, der uns als Orientierung diente. In den folgenden Monaten war Sonia Moyersoen – die maßgeblich zum Erfolg des Projektes beigetragen hat – damit beschäftigt, mit Hilfe von Patrick Pesnot (Produzent der Radiosendung „Rendez-vous avec monsieur X“ bei France Inter), dem Schriftsteller Clémence Boulouque und der Filmarchivarin Véronique Lambert de Guise eine umfangreiche Dokumentation aus Biografien, Memoiren, Tageszeitungen, Presseveröffentlichungen, Fotografien, Filmbeiträgen usw. zusammengetragen. Sonia hat das ganze Material gesichtet und ausgewertet, Zusammenfassungen und Vermerke geschrieben und Chronologien erstellt, mit denen ich mich dann nach und nach beschäftigt habe. Gleichzeitig bin ich mit Patrick Pesnot losgezogen, um Wegbegleiter de Gaulles und Menschen aus seinem Umfeld zu interviewen: Olivier Guichard (der leider kurze Zeit später verstarb), Jacques Baumel, Pierre Lefranc, Admiral Flohic (de Gaulles ehemaligen Adjutanten), Lucien Neuwirth, Jean Mauriac und andere. Ende 2003 hatten wir so viel Material zusammen, dass ich kaum wusste, womit ich anfangen sollte. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, das Drehbuch in Angriff zu nehmen.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ich zog mich von allem zurück und habe beide Drehbücher sozusagen in einem Aufwasch geschrieben. Ich versuchte ich mich zu erinnern, was mich an dem zuvor Gelesenen und Gehörten spontan am meisten beeindruckt hatte. Ich bin nicht chronologisch vorgegangen. Es war eher ein Wechselspiel der Erinnerungen, etwa so, als würde ich mich mit anderen über einen gemeinsamen Freund unterhalten, der kürzlich verstorben ist. Nach dem Motto: Wisst Ihr noch? Eine Erinnerung löst die nächste aus, Ereignisse aus der Vergangenheit werden miteinander verknüpft, obwohl sie manchmal zeitlich sehr weit auseinander liegen. Die Memoiren von Charles de Gaulle, die Tagebücher von Claude Mauriac und Claude Guy sowie die Erzählungen von Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern lieferten mir viele Details aus denen nach und nach ein Bild von der Denkweise des Generals, seinen sprachlichen Eigenarten, seinen Gewohnheiten und Ritualen (seine Vorliebe für Kaffee, Zigarren und Zigaretten; Geflügel, das er immer eigenhändig tranchierte) entstand. Puzzleteile, die jedoch klar genug waren, um sie mental zu einem vollständigen Bild zusammenzufügen. Herausgekommen ist ein Porträt, das vielleicht nicht in jedem Detail stimmt, insgesamt aber wahrscheinlich ist.

Wie kamen Sie zu den Archivaufnahmen und wie sind Sie damit umgegangen?
Ich hatte von Anfang an geplant, Archivaufnahmen einzubauen. Die Schwierigkeit bestand darin, sie so in den filmischen Ablauf einzufügen, dass kein Bruch entstand. Ich wollte den Wechsel zwischen Spielfilmszenen und dokumentierter Realität möglichst unauffällig gestalten. Der Wechsel von Archivaufnahmen zu gespielten Szenen sollte ganz selbstverständlich wirken; beide sollten sich auf fast natürliche Weise ergänzen. Zusammen mit Véronique Lambert de Guise haben wir die Filmarchive der INA, die Kinemathek von Pathé-Gaumont und die Bildarchive der französischen Streitkräfte durchstöbert, haben tagelang Archive in Italien, den USA, Deutschland und Großbritannien auf der Suche nach aussagekräftigen Zeitdokumenten durchforstet, und sind dabei auf zum Teil unveröffentlichtes Material gestoßen. Mehrere Monate vor Drehbeginn habe ich mich hingesetzt und die Archivbilder grob montiert. Anschließend habe ich das Drehbuch überarbeitet, einige Übergänge neu geschrieben, Überleitungen verbessert, neue hinzugefügt. Das Ganze war ein Wechselspiel und ungeheuer bereichernd. Dass ich Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion war, war dabei von großem Vorteil.

Wie kamen Sie auf Bernard Farcy als Hauptdarsteller?
Viele Schauspieler würden zögern, sich an die Figur de Gaulle zu wagen (Angst, dem „großen Alten“ nicht gerecht zu werden). Das ist verständlich, umso mehr als der Darsteller durch den Wechsel zwischen Dokumentar- und Spielszenen in meinem Film ständig mit dem Original gegenüber gestellt wird. Bernard Farcy war von Anfang an mein Favorit, ich hatte ihn sozusagen im Hinterkopf gespeichert. Ich kannte ihn als Kommissar in Taxi Taxi und fand ihn charmant und witzig. Ich war mir sicher, dass er der Rolle gerecht werden würde, nicht nur wegen seiner physischen Ähnlichkeit mit de Gaulle, seiner Statur oder seines Auftretens. Bei den Probeaufnahmen zeigte er sich erfindungsreich und gewitzt. Mir gefiel seine ungeheure Präsenz, sein Talent, jedem Wort das richtige Gewicht, den richtigen Nachdruck zu verleihen. Auch ohne Maske und Versuch, de Gaulle nachzuahmen, hat er alle am Set sofort überzeugt.

Wie hat Farcy sich auf seine Rolle vorbereitet?
Von dem Moment als feststand, dass er die Rolle bekommt, war Bernard stets verfügbar und ist seiner Aufgabe bis zum Ende der Dreharbeiten mit großer Ernsthaftigkeit nachgegangen. Er hat sich intensiv und gewissenhaft auf die Rolle vorbereitet. Wenn er am Set auftauchte, hatte er seinen Text im Kopf – obwohl es manchmal viel war - und war immer optimal vorbereitet. Wie alle Regisseure, die ihre Drehbücher selbst schreiben – ich denke da zum Beispiel an Jean-Paul Rappeneau, dessen Assistent ich war, ein großer Glücksfall für mich, oder auch an Francis Weber – ertrage ich es nicht, dass man auch nur ein einziges Wort verändert. In diesem speziellen Fall kommt hinzu, dass sich de Gaulles Sprache von der Alltagssprache deutlich abhebt. Aufgrund ihrer zuweilen außergewöhnlichen Syntax erschließen sich seine Sätze nicht unbedingt sofort. Der Schauspieler muss sich also nicht nur de Gaulles Duktus, sondern auch seine Denkweise aneignen. Der Einstieg in die sprachliche Logik von de Gaulle erfordert viel Geduld und eine intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten. Man darf nie den Satz in seiner Gesamtheit aus den Augen verlieren und muss mit der Argumentationsweise des Generals vertraut sein. De Gaulle war ein Meister der Rhetorik, er beherrschte die Feinheiten der Sprache und die Kunst des Redens bis ins Detail. Der Schauspieler muss jedoch auch lernen, einfach „weiß“ zu sagen, ohne eine besondere Intention in das Wort zu legen. Und vor allem muss er die Kunst beherrschen, in den Passagen mit historischer Bedeutung dem Original treu zu bleiben. Bernard Farcy hat diese Aufgabe mit beispielhafter Gewissenhaftigkeit, Bescheidenheit und Professionalität gelöst.




Update: 29/04/08 | Zum Seitenanfang |

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