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Deutschland

Geschichte als Stolperstein

In Deutschland wird die kollektive Erinnerung nach wie vor von der Epoche des Nationalsozialismus beherrscht. Öffentliche Äußerungen zur Nazi-Vergangenheit führen regelmäßig zu Skandalen, Rücktritten und Entlassungen. Gleichzeitig diskutieren Medien und Politik Geschichte nur selten im Detail.

Die erste Entnazifizierung in Deutschland. Die Aufarbeitung der Geschichte kommt später
Auch nach über 60 Jahren ist Deutschlands dunkle Vergangenheit in der deutschen Gesellschaft noch immer sehr präsent. Im Gegensatz zur unmittelbaren Nach-kriegszeit, als frühere Nationalsozialisten an höchster Stelle in der Regierung tätig sein konnten, ist das Land in diesen Dingen sehr sensibel geworden. Seit den späten Achtzigerjahren lösten in einer regelrechten Sequenz der damalige Parlamentspräsident Philipp Jenninger, der Dichter Martin Walser, der konservative Abgeordnete Martin Hohmann, der damalige General einer Bundeswehr-Spezialeinheit, Reinhard Günzel, und vor kurzem die Nachrichtensprecherin Eva Herman hitzige Debatten aufgrund von kontroversen Äußerungen und/oder Vergleichen aus. Alle bis auf Walser, der als freier Schriftsteller arbeitet, verloren ihre Stelle.

In Deutschland besteht ein klarer Konsens, keinerlei Verharmlosung der Naziherrschaft und des Holocausts zu tolerieren, und das ist auch gut so. Dennoch kann man bezweifeln, ob mit diesen Fehltritten richtig umgegangen wird. Die Medien legen eine Art Automatismus an den Tag. Jeder regt sich auf, aber kaum jemand diskutiert geschichtliche Details und erklärt, weshalb die entsprechenden Bemerkungen so unerträglich sind.

Die Folgen könnten gefährlich sein: Langfristig könnte sich dieser Mechanismus als kontraproduktiv herausstellen. Ein Beispiel dafür sind die Szenen, die sich 2005 im sächsischen Landtag abspielten, als ein Abgeordneter der rechtsradikalen NPD das alliierte Bombardement der Stadt Dresden als „Bombenholocaust“ bezeichnete. Parteien der links und in der Mitte angesiedelten Parteien sprachen erbost von einem Skandal. Sie wirkten jedoch hilflos, und niemand erklärte schlicht den historischen Hintergrund – dass nämlich niemand anderes als Deutschland sowohl für den Holocaust als auch den Bombenkrieg verantwortlich ist.

Außerdem ist die Verharmlosung des Nationalsozialismus nirgendwo definiert, sodass man sich fragen kann, wo berechtigter Widerspruch zu Äußerungen aufhört und wo Hysterie anfängt. Die Fernsehmoderatorin Herman musste eine Sendung verlassen, nur weil sie daran erinnert hatte, dass die Deutschen nach wie vor die in den Dreißigerjahren erbauten Autobahnen nutzen. Der jüdische Autor Henryk Broder sprach daraufhin von einem elften Gebot „Du sollst nicht vergleichen!“.

Der deutsche Komiker und Satiriker Harald Schmidt ging mit dem Thema auf seine eigene Weise um. Er stellte ein technisches Gerät namens Nazometer vor, das akustische Warnsignale abgibt, wann immer Wörter mit möglichem Bezug zur Nazivergangenheit fallen, wie etwa „Autobahn“ oder „Gas“. Erneut bezeichneten Beobachter derartige Witze als „geschmacklos“. Und schnell kritisierten jüdische Organisationen und Rundfunkbeiräte Schmidt heftig, was wiederum die Sensibilität dieses Themas aufzeigt.

Ein weiterer zu hinterfragender Punkt ist die Tatsache, dass die Jahre 1933 bis 1945 die kollektive Erinnerung nahezu monopolisiert haben. Abgesehen von Fachleuten wie Historikern oder Journalisten haben die Deutschen Epochen wie die beiden Revolutionen von 1848/49 und 1918/19 oder die Weimarer Republik, die erste deutsche Demokratie, mehr oder weniger vergessen. Man muss in dieser Sache aber äußerst behutsam vorgehen, um nicht den Ewiggestrigen auf den Leim zu gehen: Rechtsextreme Gruppen und Parteien streben, obwohl sie in der politischen Landschaft nahezu bedeutungslos sind, seit langem danach, den Holocaust und das Ausmaß deutscher Verantwortung klein zu reden. Wiederholt verweisen sie auf die Notwendigkeit eines Schlussstriches unter die nationalsozialistische Vergangenheit. Auch diese Kräfte sprechen davon, anderen geschichtlichen Abschnitten mehr Bedeutung einzuräumen – allerdings nicht, um die Geschichtskenntnisse zu erweitern, sondern um Völkermord und Kriegsverbrechen zu relativieren!
Deniz Anan und Nina Löchte
 
MEHR WISSEN

 
Die Fernsehmoderatorin Eva Herman wird einer Sendung verwiesen, was im Nachhinein als Fehler bezeichnet wird.
Der Autor Henryk Broder plädiert für die Beibehaltung des Nazometers und meint, die meisten guten Witze seien geschmacklos.
Der Vorfall im sächsischen Landtag: Rechtsextreme sprechen von einem „Bomben-Holocaust“. (auf Englisch)
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Im Spiegel der Zeitschriften Nr. 9,
Erinnerung, Geschichte und Politik – ein Spannungsfeld, das für Gesprächsstoff sorgt
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Erstellt: 13-03-08
Letzte Änderung: 18-03-08