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Auffällig an der gegenwärtigen Krise in Belgien ist die Kluft zwischen dem Eifer der Politiker und der relativ gleichgültigen bis resignierten Einstellung der Bürger. Frappierend ist auch das gegenseitige Misstrauen der beiden Gruppen, von denen jede die andere für die – übrigens nicht genau definierten – Fehler der Vergangenheit verantwortlich macht.
Wie lässt sich das Grundproblem lösen? Sicher nicht durch Wahlen – es sei denn, man will wieder gemeinsame, zweisprachige Parteien einführen. Auch nicht durch die Schaffung eines „französischen Belgien“, wie manche vorschlagen. Es lohnt auch nicht, immer wieder einen Schuldigen zu suchen, sondern es gilt, nach vorne zu schauen und einen belgischen Staat zu schaffen, in dem Flamen und Wallonen in gutem Einvernehmen leben können. Da ist es sicher unverzichtbar, über die Vergangenheit zu reden. In seiner Weihnachtsansprache rief der belgische König Albert II zur Versöhnung auf. Ist das etwa die neue Richtung, die das Land einschlagen muss? Dass sie erfolgreich sein kann, hat sich bereits an anderen europäischer Staaten gezeigt. Ein Beispiel ist die deutsch-tschechische Aussöhnungserklärung von 1997. Eine Versöhnung setzt jedoch voraus, dass Fehler begangen wurden. Aber welche Fehler können beide Seiten anerkennen? Dazu müsste die strittige Vergangenheit aufgearbeitet werden. Vielleicht wäre die Einrichtung einer Kommission für „nationale Versöhnung“ erforderlich. Ist dies realistisch und realisierbar in einem Kontext, in dem die Politiker vor allem an kurzfristigen Ergebnissen interessiert sind und aus den Schwächen – einschließlich der zahlenmäßigen Unterlegenheit – der Gegenseite Profit zu schlagen?
Neben der Aufarbeitung der Vergangenheit wäre auch eine konsequente Lösung des Sprachenproblems erforderlich, um den Zerfall des belgischen Staates aufzuhalten. Zweisprachigkeit – beispielsweise durch einen Plan, der das Erlernen beider Sprachen fördert – könnte zum Reichtum des Landes werden. Das läuft allerdings der aktuellen Tendenz zuwider. Doch nur durch die Überwindung der größten Differenzen lässt sich die drohende Spaltung abwenden.
Eine moderate Haltung beharrt nicht auf dem Trennenden, sondern stellt das Verbindende in den Vordergrund und trägt so dazu bei, die leidige Vergangenheit, das vage Gefühl der Ungerechtigkeit und des Zorns sowie das allgegenwärtige Misstrauen zu überwinden. Beharren beide Seiten auf ihrer Opferrolle, werden sich die Unstimmigkeiten und wachsenden Spannungen über kurz oder lang auf Europa allgemein auswirken.





