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Belgien

In Belgien ist es immer die Schuld des Anderen

„Einigkeit macht stark“ –so lautet seit 1830 der Wahlspruch der Belgier. Durch die Verfassungsreform vom 5. Mai 1993 wurde Belgien ein Bundesstaat. Doch die belgische Geschichte im 20. Jahrhundert ist geprägt durch ständige Konflikte zwischen den beiden Sprachgruppen, Flamen und französischsprachigen Wallonen, die immer weiter auseinander driften und sich gegenseitig für diese Spaltung verantwortlich machen. Im Zentrum steht dabei die Sprachenproblematik.

Die Statue Brabanconne, Platz Surlet de Chokier, Brüssel. Fotograf: Ben2
Die Nationalhymne (Brabançonne) besingt die „unverbrüchliche Einheit“ des Landes. Doch die Ereignisse des vergangenen Jahres ebenso wie der Scherz des Fernsehsenders RTBF vom 13. Dezember 2006 (der in einer gefälschten Nachrichtensendung die Unabhängigkeit der Flamen verkündet hatte), zeigt die Stärke der geschichtlich gewachsenen Ressentiments. Die Sprachenfrage ist ein unterschwellig schwelender Dauerkonflikt. Die Sprache dient als Waffe zur Verteidigung der Kultur der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Außerdem ist sie ein Maßstab für die Kräfteverteilung im Land. Die Flamen fordern Revanche für vergangenes Unrecht, während die frankophonen Belgier sich gegen einen gewissen Verlust ihres Einflusses wehren.
 
Auffällig an der gegenwärtigen Krise in Belgien ist die Kluft zwischen dem Eifer der Politiker und der relativ gleichgültigen bis resignierten Einstellung der Bürger. Frappierend ist auch das gegenseitige Misstrauen der beiden Gruppen, von denen jede die andere für die – übrigens nicht genau definierten – Fehler der Vergangenheit verantwortlich macht.

Wie lässt sich das Grundproblem lösen? Sicher nicht durch Wahlen – es sei denn, man will wieder gemeinsame, zweisprachige Parteien einführen. Auch nicht durch die Schaffung eines „französischen Belgien“, wie manche vorschlagen. Es lohnt auch nicht, immer wieder einen Schuldigen zu suchen, sondern es gilt, nach vorne zu schauen und einen belgischen Staat zu schaffen, in dem Flamen und Wallonen in gutem Einvernehmen leben können. Da ist es sicher unverzichtbar, über die Vergangenheit zu reden. In seiner Weihnachtsansprache rief der belgische König Albert II zur Versöhnung auf. Ist das etwa die neue Richtung, die das Land einschlagen muss? Dass sie erfolgreich sein kann, hat sich bereits an anderen europäischer Staaten gezeigt. Ein Beispiel ist die deutsch-tschechische Aussöhnungserklärung von 1997. Eine Versöhnung setzt jedoch voraus, dass Fehler begangen wurden. Aber welche Fehler können beide Seiten anerkennen? Dazu müsste die strittige Vergangenheit aufgearbeitet werden. Vielleicht wäre die Einrichtung einer Kommission für „nationale Versöhnung“ erforderlich. Ist dies realistisch und realisierbar in einem Kontext, in dem die Politiker vor allem an kurzfristigen Ergebnissen interessiert sind und aus den Schwächen – einschließlich der zahlenmäßigen Unterlegenheit – der Gegenseite Profit zu schlagen? 

Neben der Aufarbeitung der Vergangenheit wäre auch eine konsequente Lösung des Sprachenproblems erforderlich, um den Zerfall des belgischen Staates aufzuhalten. Zweisprachigkeit – beispielsweise durch einen Plan, der das Erlernen beider Sprachen fördert – könnte zum Reichtum des Landes werden. Das läuft allerdings der aktuellen Tendenz zuwider. Doch nur durch die Überwindung der größten Differenzen lässt sich die drohende Spaltung abwenden.

Eine moderate Haltung beharrt nicht auf dem Trennenden, sondern stellt das Verbindende in den Vordergrund und trägt so dazu bei, die leidige Vergangenheit, das vage Gefühl der Ungerechtigkeit und des Zorns sowie das allgegenwärtige Misstrauen zu überwinden. Beharren beide Seiten auf ihrer Opferrolle, werden sich die Unstimmigkeiten und wachsenden Spannungen über kurz oder lang auf Europa allgemein auswirken.
Geoffrey Grandjean und Nicolas Pradalié

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Im Spiegel der Zeitschriften Nr. 9,
Erinnerung, Geschichte und Politik – ein Spannungsfeld, das für Gesprächsstoff sorgt
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Erstellt: 13-03-08
Letzte Änderung: 18-03-08