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Magdalen Nabb: Vita Nuova

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Tom Rob Smith: Kind 44Als die Kriminalschriftstellerin Magdalen Nabb im August 2007 in Florenz einem Hirnschlag erlag, war sie gerade erst 60 Jahre alt. Todesfälle wie diesen versieht man, zumal bei Künstlern, bevorzugt dann mit dem Etikett „tragisch“, wenn jemand just im Begriff ist, so richtig durchzustarten. Bei Mrs. Nabb – geboren in dem Dorf Church (Lancashire, England), gestorben in ihrer Wahlheimat Florenz – war das ganz offenkundig der Fall. „Sie starb zu einer Zeit, als sie endlich den gewünschten nachhaltigen Erfolg hatte“, sagte am Rande der Leipziger Buchmesse Ruth Geiger vom Diogenes-Verlag (Zürich), der die deutschsprachige Ausgabe von Magdalen Nabbs Werken betreut.

So kann der Anfang April erschienene Roman, der ausgerechnet den Titel „Vita Nuova“ (Neues Leben) trägt, nur und immerhin zum Nachruhm der toten Dichterin beitragen. Es handelt sich bei diesem literarischen Vermächtnis um den 14. Fall jenes unkonventionellen Polizisten, mit dem Nabb erst in Großbritannien, später auch in Deutschland reüssierte: Salvatore Guarnaccia aus Florenz. Die in Serie gegangenen Kriminalromane um den schrulligen, schnörkellos denkenden, dezidiert antiintellektuellen Maresciallo sind in 14 Sprachen übersetzt worden und dürfen als das toskanische Pendant von Donna Leons venezianischen Brunetti-Romanen gelten.

Anders als Leon sperrte sich Nabb jedoch nicht dagegen, ihre Romane auch in Italien erscheinen zu lassen. Dies auch deshalb, weil sie im Gegensatz zu der Amerikanerin keine Ressentiments der Italiener wegen Verfälschungen ihrer Lebenswelt befürchten musste: Das Florenz des Salvatore Guarnaccia mutet über weite Passagen ungleich authentischer und also glaubwürdiger an als das Venedig des Guido Brunetti. Es diente Nabb als eine nur selten kunstsinnige, sondern meist raue Kulisse, die nicht etwa mit einem touristischen Blick behauptet wird, sondern Funktionen innerhalb der Handlung erfüllt. So trägt der Maresciallo nicht an der Bürde, in einer vollständig musealisierten Stadt agieren zu müssen. Nabb rettete ihren Schauplatz vor dräuenden Italien-Klischees, indem sie ihrem Helden ein ums andere Mal zumutet, auch die weniger pittoresken Gegenden der Stadt am Arno aufzusuchen. Und Nabb rettete ihre Handlungen zuverlässig vor dem Absturz in Krimi-Dutzendware, indem sie viele ihrer Fälle der herben Wirklichkeit und befreundeten Polizisten ablauschte. In einem Land, in dem Korruption und Nepotismus, Schattenwirtschaft und Xenophobie mindestens ebenso gedeihlich blühen wie gewisse Südfrüchte. In einer Großstadt, die aus mehr und härterem Stoff besteht als pittoresken Impressionen in den Uffizien oder dem Giardino di Boboli.

Nabbs Gespür für heikle Themen und deren realitätsnahe Umsetzung ist auch im unwiderruflich letzten Fall für Guarnaccia ruchbar. Diesmal geht es unter anderem um das für Italien notorische Problem der clandestini, der illegalen Einwanderer. Deren systematischer Einschleusung aus Osteuropa und deren Zwangsprostitution kommt der Maresciallo auf die Spur, als er den Mord an der ältesten Tochter eines neureichen Ex-Zuhälters namens Paoletti untersucht. Die Schattenseiten der ansonsten so lichten Arno-Metropole stellt Nabb dabei ebenso überzeugend dar wie das Milieu des importierten Prekariats.

Von Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere an hatte die gelernte Töpferin, die 1975 mit ihrem Sohn nach Florenz übergesiedelt war, einen sehr gewichtigen Fürsprecher ihrer durchaus neorealistisch zu nennenden Kunst: Ihren ersten Guarnaccia-Krimi „Tod eines Engländers“ (1981) würdigte der Großmeister Georges Simenon, mit dem Nabb eine langjährige Brieffreundschaft verband, mit dem Lob „Bravissimo!“ Maigret-Erfinder Simenon schätzte an ihren Kriminalromanen, zu deren Drittem er eine Einleitung beisteuerte, eine sozialkritische Haltung, die mehr war als bloß übliche Betroffenheitspose.

Dass Magdalen Nabb über so viel Problembewusstsein gebot, dürfte auch biografische Gründe haben: Gerade sieben Jahre war sie alt, ihr Vater starb; nur wenige Jahre später wurde sie Vollwaise. Den Mangel an Leitfiguren hat sie durch eigenes Engagement wettgemacht: Zunächst als Künstlerin (in Manchester studierte sie einige Semester an der Kunsthochschule) und später, in Italien, als Journalistin und Schriftstellerin eignete sie sich als das autodidaktisch an, worin sie brillieren wollte. Ihr Kunsthandwerk, gleich in welcher Disziplin, hatte einen so soliden wie goldenen Boden.

Hendrik Werner/Die Welt

Erstellt: 30-05-08
Letzte Änderung: 30-05-08

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