Werner W. Klingberg, Pressesprecher Deutsche Bahn AG : "Bahnhöfe sind Zweckeinrichtungen. Die haben in erster Linie - und so sind sie auch konzipiert - den Zweck, Verkehr sicherzustellen und zu bewältigen. (Und wie gesagt) Wir haben insgesamt 5 Millionen Kunden am Tag. Wir haben auf den großen Stationen bis zu 500.000 Leute jeden Tag, die dort durchgehen. Und das sind nicht geeignete Orte, um dort große Fotoausstellungen zu zeigen."
Wirklich ? Immerhin werden jedes Jahr auf deutschen Bahnhöfen die weltbesten Pressefotografien gezeigt – die „World Press Photos“. Bilder von Krieg, Gewalt und Elend werden den Bahnreisenden zugemutet. Aber diese Fotos zeigen fremdes Leid und erinnern nicht an die Vergangenheit der Bahn.
Die Reichsbahn hat den Holocaust nicht nur technisch und logistisch ermöglicht, sie hat auch daran verdient. Für den Transport der Juden berechnete sie den Tarif dritter Klasse: Erwachsene 4 Reichspfennig pro Schienenkilometer, Kinder unter 10 Jahren zum halben Preis, Kinder unter 4 fuhren kostenlos. Gruppenrabatte wurden eingeräumt. Das Geld trieb die SS bei den jüdischen Gemeinden ein. Mit dieser Geschichte will die Deutsche Bahn nichts mehr zu tun haben.
Im Museum der Deutschen Bahn in Nürnberg wird in einer eigenen Abteilung an die Zeit im Dritten Reich und die Verstrickungen der Reichsbahn erinnert. Und hier - statt auf den Bahnhöfen - bot die Konzernführung auch den Klarsfelds an, ihre Ausstellung zu präsentieren. Doch die möchten sich und die Opfer nicht in die museale Ecke abschieben lassen.
Überlebende ergreifen jetzt die Initiative: sie prüfen juristische Schritte, ob sie die Deutsche Bahn für Gewinne haftbar machen können, die die Reichsbahn durch die Transporte erzielte. Und was noch gar nicht berücksichtigt wurde: die zurückbleibenden Haushalte wurden auf die Bahn gegeben und versteigert - Raubgut. Auch daran hat sich die Reichsbahn bereichert, 30.000 Waggons allein aus Frankreich, und dafür wurden bisher keine Entschädigungen geleistet.
Die Ausstellung ist in Deutschland nur als Provisorium zu sehen. Zuletzt im Gewerkschaftshaus in Stuttgart, danach in Karlsruhe und in Weimar, und vielleicht findet sich ja sogar noch jemand, der eine richtige Präsentation aus der Sammlung machen kann. Die Deutsche Bahn wird von ihrer Geschichte eingeholt - mit über 60 Jahren Verspätung. Das ist selbst für die Bahn ziemlich lang.
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Metropolis
Autor: Tom Fugmann
Samstag, den 25. März 2006 um 23.30 Uhr
Wiederholung am Sonntag, 26. März um 18.05 Uhr
Redaktion: NDR
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