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Metropolis

Metropolis, das Kulturmagazin

25.03.06 - 23.30 : metropolis

Ausstellung - 11.000 Kinder

Kindergesichter – ohne Vorahnung des Schreckens, der auf sie zukommen wird. 11.600 jüdische Kinder haben die Nazis aus Frankreich mit der Bahn nach Auschwitz deportiert – eine Fahrt in den Tod. Zwei Jahre lang war eine Ausstellung dieser Kinderfotos auf allen bedeutenden französischen Bahnhöfen zu sehen – mit großer Resonanz und ohne jeden Zwischenfall. Organisiert wurde sie von Beate und Serge Klarsfeld. Sie wollen jetzt auch auf deutschen Bahnhöfen mit dieser Schau an die Deportation der Kinder erinnern.

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Beate Klarsfelds Lebensaufgabe ist die Erinnerung an den Holocaust und die Verfolgung der Täter. 1968 ohrfeigt sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der damit zum Nazi gestempelt wird. Über zehn Jahre lang kämpft sie dafür, dass Klaus Barbie, Gestapo-Chef von Lyon, aus Bolivien nach Frankreich ausgeliefert und verurteilt wird. Doch genauso wichtig ist ihr die Erinnerung an die Opfer. Deshalb soll die Ausstellung des Vereins der Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs („Fils et filles des déportés juifs de France“) jetzt auch in Deutschland gezeigt werden. Doch die Deutsche Bahn ist dagegen.

Werner W. Klingberg, Pressesprecher Deutsche Bahn AG : "Bahnhöfe sind Zweckeinrichtungen. Die haben in erster Linie - und so sind sie auch konzipiert - den Zweck, Verkehr sicherzustellen und zu bewältigen. (Und wie gesagt) Wir haben insgesamt 5 Millionen Kunden am Tag. Wir haben auf den großen Stationen bis zu 500.000 Leute jeden Tag, die dort durchgehen. Und das sind nicht geeignete Orte, um dort große Fotoausstellungen zu zeigen."

Wirklich ? Immerhin werden jedes Jahr auf deutschen Bahnhöfen die weltbesten Pressefotografien gezeigt – die „World Press Photos“. Bilder von Krieg, Gewalt und Elend werden den Bahnreisenden zugemutet. Aber diese Fotos zeigen fremdes Leid und erinnern nicht an die Vergangenheit der Bahn.
Die Reichsbahn hat den Holocaust nicht nur technisch und logistisch ermöglicht, sie hat auch daran verdient. Für den Transport der Juden berechnete sie den Tarif dritter Klasse: Erwachsene 4 Reichspfennig pro Schienenkilometer, Kinder unter 10 Jahren zum halben Preis, Kinder unter 4 fuhren kostenlos. Gruppenrabatte wurden eingeräumt. Das Geld trieb die SS bei den jüdischen Gemeinden ein. Mit dieser Geschichte will die Deutsche Bahn nichts mehr zu tun haben.

Im Museum der Deutschen Bahn in Nürnberg wird in einer eigenen Abteilung an die Zeit im Dritten Reich und die Verstrickungen der Reichsbahn erinnert. Und hier - statt auf den Bahnhöfen - bot die Konzernführung auch den Klarsfelds an, ihre Ausstellung zu präsentieren. Doch die möchten sich und die Opfer nicht in die museale Ecke abschieben lassen.

Überlebende ergreifen jetzt die Initiative: sie prüfen juristische Schritte, ob sie die Deutsche Bahn für Gewinne haftbar machen können, die die Reichsbahn durch die Transporte erzielte. Und was noch gar nicht berücksichtigt wurde: die zurückbleibenden Haushalte wurden auf die Bahn gegeben und versteigert - Raubgut. Auch daran hat sich die Reichsbahn bereichert, 30.000 Waggons allein aus Frankreich, und dafür wurden bisher keine Entschädigungen geleistet.

Die Ausstellung ist in Deutschland nur als Provisorium zu sehen. Zuletzt im Gewerkschaftshaus in Stuttgart, danach in Karlsruhe und in Weimar, und vielleicht findet sich ja sogar noch jemand, der eine richtige Präsentation aus der Sammlung machen kann. Die Deutsche Bahn wird von ihrer Geschichte eingeholt - mit über 60 Jahren Verspätung. Das ist selbst für die Bahn ziemlich lang.
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Links
>> 11000 Kinder Ausstellung
>> Interview mit Beate Klarsfeld
>> Presseberichte

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Metropolis
Autor: Tom Fugmann
Samstag, den 25. März 2006 um 23.30 Uhr
Wiederholung am Sonntag, 26. März um 18.05 Uhr
Redaktion: NDR
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Erstellt: 24-03-06
Letzte Änderung: 24-03-06

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