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Visions - New York SpecialNew York City pulsiert. Auf den ersten Blick ist alles beim Alten. Am Times Square ist kurz nach Mitternacht die Hölle los. Fröhliche Touristenhorden schieben sich durch die nächtlichen Straßen, alle fühlen sich sicher. Und genau das ist neu. Früher hätte man hier nachts keine flanierenden Mädchengruppen oder Hochzeitskutschen angetroffen. Früher war es hier gefährlich. Heute stehen an jeder Ecke Polizisten und private Wachmänner. Kein Passant raucht. Auch vor Taschendieben muss sich keiner fürchten, dafür sorgt die sogenannte “Quality of Life“ -Kampagne.
Ex-Bürgermeister Rudi Giuliani und sein Nachfolger Michael Bloomberg haben es geschafft, den “Big Apple“ sauberer, sicherer und touristenfreundlicher zu machen - aber der Preis dafür ist hoch. Das weltberühmte New Yorker Nachtleben hat schwer gelitten.
Um die ausufernde Undergroundclubszene einzudämmen und die Kriminalität in den Griff zu bekommen, vergibt die Stadt jetzt Tanz-Lizenzen. Es darf nur noch in Clubs getanzt werden, die eine offizielle Tanzgenehmigung haben. Das sind ganze 70 in der Zehn- Millionenstadt, und die lassen sich ihren Exklusivstatus etwas kosten. Tanzen gehen ist teuer geworden. In Manhattan cruisen heute Stretchlimos vor den Edeldiskos. Das Publikum trägt Perlenkette und Handtäschchen und sieht aus, wie aus “Sex and the City“ entsprungen. Das “Cabaret Law“ - das Gesetz, das Tanzen reguliert - stammt ursprünglich aus dem Jahr 1926, aus der Zeit der Prohibition. Es besagt: Jedes Lokal, in dem mehr als drei Musiker auftreten oder in dem sich drei Personen oder mehr gleichzeitig zu Musik bewegen, braucht eine spezielle “Cabaret Licence“. Außerdem dürfen Tanz-Clubs nicht in einer Wohngegend liegen. Die Lizenzen wurden von Anfang an sehr willkürlich vergeben. Irgendwann geriet das Gesetz in Vergessenheit und wurde ignoriert. Erst Bürgermeister Giuliani erinnerte sich nach über siebzig Jahren an das Regulativ und reaktiviert das Cabaret Law. Bei seinem Kampf für ein sicheres und teures Manhattan kam ihm die uralte Verordnung gerade recht. Wo früher zu den neuesten Underground-Tracks gerockt wurde, herrscht jetzt nur noch gepflegte Langeweile: leise Musik, Plaudern an Tischen - gegroovt wird höchstens im Sitzen. Riesige Schilder weisen auf das Tanzverbot hin - die Barbesucher finden es absurd. Nicht nur die Clubbetreiber stehen unter Beobachtung - die ganze Stadt wird überwacht, Kameras erfassen jede Ecke - ein weiterer Preis, der die wundersame Verwandlung von “dirty NY“ ermöglichte. Manhattan ist wohnlicher geworden - in ehemaligen Abrissvierteln finden sich heute Luxusappartments. Laute Clubs stören da nur. Beispiel Alphabet City: früher ein Bezirk mit hoher Kriminalität, aber auch hoher Kreativität, heute eine Dorfidylle. Wo einst Crackdealer und Banden das Sagen hatten, sitzen heute Familien im Gras. Der von Lou Reed besungene “Dirty Boulevard“ - 2004 eine schicke Wohngegend. Die steigenden Mieten können sich viele Künstler und Kreative aber nicht mehr leisten. Sie ziehen weg. Ergebnis: Teure Cafés und Restaurants statt alter Krämerläden. Und noch etwas verändert sich: Graffittis verschwinden langsam aus dem Stadtbild. Die hier Anfang der Siebziger erstmals entstandenen Wandzeichnungen, durch Künstler wie Keith Haring zu Weltruhm gelangt, gehörten zu NY wie die Yellow Cabs. Der in New York lebende französische Künstler WK International lebt heute sehr gut von seiner Kunst - er gestaltet Werbekampagnen für Adidas und andere Firmen. Seine Roots hat er aber in der “wilden“ Straßenkunst, einige seiner illegalen Werke haben noch überlebt. Aber durch Komplett-Überwachung und erhöhte Polizeipräsenz haben es die meist nicht legalen Street-Artists immer schwerer, ihre Werke zu platzieren. Nicht rauchen, nicht sprühen, nicht tanzen - bald ist New York sauberer als eine bayrische Kleinstadt. Doch die Gegenstimmen werden lauter. Die “Dance Liberation Front“ zum Beispiel kämpft mit lautstarken Demonstrationen für ihr Tanzrecht. Ob “Million Mermaid March“ oder “Hokey-Pokey Circle“ - seit Ende der 90er versuchen die Mitglieder der “Dance Liberation Front“ auf das Problem des “Cabaret Law“ aufmerksam zu machen. Einmal über die Brooklyn-Bridge, Zeitreise in 10 Minuten. Williamsburg, ein Stadtteil von Brooklyn, sieht aus wie die Lower East Side von Manhattan vor ein paar Jahren: Studenten, Künstler, Kreative. Alle, denen Manhattan zu sauber und teuer geworden ist, ziehen hier her. Sogar ein authentisches Nachtleben gibt es noch. Zum Beispiel das “Volume”, in einer riesigen kargen Fabrikhalle. Hier feiert James Friedmann, DJ und Partyveranstalter mit Hunderten von Leuten Parties, die es so in Manhattan längst nicht mehr gibt: Illegal, ohne Tanzlizenz. Keiner kümmert sich um Rauchverbot oder Lärmpegel. Bis hierher reicht der Arm des Bürgermeisters nicht - noch nicht. Und James ist zuversichtlich, dass es kreative Nischen wie das “Volume” immer geben wird. Widerstand gegen die Politik des New Yorker Bürgermeisters formiert sich auf breiter Front. Die Stadt wurde unter Giuliani und Bloomberg sicherer, sauber und gesünder. Dafür wurde die Subkultur geopfert. New York ist jetzt gemütlich und entspannt - Nährboden für brodelnde Kreativität ist es nicht mehr. Hoffentlich ändert sich das wieder mit der nächsten Wahl - sonst wird aus dem “Big Apple“ bald der “Big Vorort“! ....................................................... In der Reportage zu sehen Moby Princess Superstar Adam Shore - “‘Legalize dancing NYC" Dominique Keegan - Besitzer der Plant Bar Künstler WK Orte * Plant Bar 217 E. 3rd St. (East Village) between Aves. B and C 212-375-9066 >> Mehr Infos * Cielo 18 Little W 12th St New York (212) 645-5700 >> Mehr Infos * Volume 99 North 13th St. (Williamsburg/Greenpoint) at Wythe Ave. 718-388-3588 >> Offizielle Website Links >> Legalize dancing NYC >> Million Mermaid March >> New York Times - After 77 Years, Cabaret Laws Face Rewrite >> New York Raves >> You Can't Dance if You Want To - The Safety Dance >> Let the people dance! Gerson to lead on cabaret law reform Buch Ric Burns, James Sanders und Lisa Ades New York Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute Bildband, 616 Seiten ISBN 3-89405-612-6 Ein Buch der Partner Frederking & Thaler und GEO >> Mehr zum Buch Musik aus dem Beitrag "The Sound of New York I" und "The Sound of New York II" ( ab 23.08.04 erhältlich) bei Plant Music (nyc). >> Offizielle Website - Plant Music ....................................................... TRACKS Donnerstag, den 10. Juni 2004 um 23.00 Uhr Wiederhol. am Samstag, den 12. Juni um 17.45 Uhr Redaktion: RBB, Kobalt .......................................................
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