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Indien und Bollywood

Kleines Bollywood-ABC




Devdas
Der berühmte Roman des großen bengalischen Schriftstellers Sarat Chandra Chattopadhyay wurde in mindestens 14 verschiedenen Fassungen für das Kino adaptiert. Die Story ist denkbar simpel: Devdas und Paro lieben einander seit frühester Kindheit, doch ihre unterschiedliche Kastenzugehörigkeit steht ihrer Verbindung im Wege. Das Mädchen wird mit einem reichen Alten zwangsverheiratet, während der männliche Held sie in den Armen einer schönen Kurtisane zu vergessen sucht und seinen Kummer im Alkohol ertränkt. Devdas ist eine entrüstete Anklage gegen die patriarchalische Gesellschaftsordnung und gekennzeichnet von einem bemerkenswert fatalistischen Pessimismus. Der junge Held wird darin wie eine Marionette dargestellt, die Frau wie eine unnahbare Göttin, ein „Vamp“. Mehrere Generationen der indischen Filmregisseure wurden vom Einfluss dieses Werks geprägt.

Filmemacher
Manche Regisseure und Filmemacher werden von Kinoliebhabern, aber auch in der breiten Öffentlichkeit in Indien wie Superstars verehrt. Siehe auch die Rubrik über Regisseure und Filmemacher.

Frau
Zum größten Unglück der Frauen in Indien beschränkt sich das Bollywood-Kino zumeist darauf, die phallokratische Sicht der indischen Gesellschaft zu zementieren. Im Leben wie auf der Leinwand ist die Frau entweder Tochter, Ehefrau, Mutter oder Kurtisane – und, was noch schlimmer ist: Die „moderne“ Frau wird in den meisten Filmen als Bedrohung für die herrschende Gesellschaftsordnung dargestellt. Entweder asexuelle gottgleiche Mutterfigur oder gefährlich-fatale Kreatur – Nuancen dazwischen kennt Bollywood kaum! Allerdings gibt es Ansätze eines neuen Trends, der den zur Zeit größten weiblichen Filmstars auch starke und psychologisch differenziertere Rollen zugesteht. Ob in Arth von Mahesh Bhatt (die Revolte einer verlassenen Ehefrau, 1983) oder Monsoon Wedding von Mira Nair (2001) – Frauen nehmen mittlerweile ihr Schicksal selbst in die Hand.

Hollywood
Der absolute Maßstab, aber nach eigener Rezeptur mit Masala-Sauce abgeschmeckt! Hier wie dort die gleichen Musicals, Liebeshelden, launischen Stars und üppigen Ausstattungen.

Kitsch
Die Puristen unter den Kinoliebhabern werfen dem Bombay-Kino oft seinen schmalzigen schlechten Geschmack und seinen „Fetischismus“ vor. Dieser Vorwurf geht aber völlig an dem vorbei, was den Reiz eines Bollywood-Films wirklich ausmacht: Er zeigt Indien in überlebensnaher Verklärung und bezieht aus dem Kitsch seine edelsten Momente. Aus satten Farben, grandiosen Ausstattungen, Gold und Schmuck im Überfluss entsteht ein Patchwork wie aus Tausendundeiner Nacht, eine Hybridform des Musicals mit Versatzstücken aus Mogul-Miniaturen.

Liebe
Enttäuschte Liebe, böse Familienzwiste, Tragödien im Stil griechischer Dramen, heimliche Liebschaften zwischen Protagonisten, die nicht derselben Kaste angehören, Trennung, Versöhnung, Verrat ... Die meisten Bollywood-Filme geizen wahrlich nicht mit dramatischen Emotionen. Obwohl Heirat, wie man daraus lernt, selten mit Liebe, sondern eher mit Vernunft - wenn nicht sogar Selbstverleugnung - zu tun hat.

Musik
In Indien hört man oft, das Kino sei nur ein Vorwand, um Musik zu machen. Für nahezu jedes Fest oder privates Ereignis, das gefeiert wird – Geburt, Heirat usw. – gibt es eine spezielle Musik. In den Filmen hilft sie oft auch über Schwächen des Drehbuchs hinweg, eine wilde Mischung von Liedern und Gesängen, die den Rhythmus der Handlung bestimmt oder sie in die Länge zieht. Als westlicher Betrachter, gewöhnt an eine lineare Erzählstruktur, ist man manchmal überrascht, wenn plötzlich die Musik einsetzt, scheinbar ohne jeden Zusammenhang mit dem Geschehen auf der Leinwand. Ihre Funktion ist jedoch rasch erkannt: Der Zuschauer soll in die passende Stimmung versetzt werden. Auch dient sie als verstecktes Vehikel für Erotik in einem Land, dessen Zensur nach wie vor jeden lebensechten Körperkontakt verbietet.

Schmalz
Mit ihren eindimensionalen Charakteren, simplen Handlungen und zahlreichen Happy Ends wirken Bollywood-Filme häufig wie Märchen für Erwachsene. Der Ausgang der Story birgt keine Überraschungen: Für gewöhnlich bekommt der Held seine Angebetete zur Frau, die Eltern sind stolz und glücklich, die Bösen erhalten ihre verdiente Strafe und kommen ins Gefängnis. Sie schlagen Brücken zwischen Wunsch und Wirklichkeit und dienen vielfach als Betäubungsmittel für eine ganze Gesellschaft, als kollektive, widerlich-klebrige Zuckerstangen. Sie wecken Fantasien und bringen süße Kinderträume zurück.

Studios
Indien ist wahrscheinlich das letzte Land in der Welt, in dem Schauspieler sich noch diese mythische Aura bewahrt haben, wie sie die großen Stars der goldenen Hollywood-Ära hatten. Einige der indischen Darstellerinnen, die nicht weniger berühmt sind als Marilyn Monroe oder Greta Garbo zu ihren Zeiten, sind in den Olymp des Kinos aufgestiegen: Waheeda Rehman, der Star der Filme von Guru Dutt, oder Nargis, die Muse des Regisseurs Raj Kapoor. Auch vor den männlichen Darstellern macht diese Kollektivhysterie nicht halt.

Allein die Anwesenheit eines Superstars der Hindi-Filme wie Amithab Bachchan kann zu tumultartigen Aufläufen zehntausender von Fans führen. Nicht zufällig hat man Dev Anand den Beinamen „indischer Cary Grant“ gegeben. Als jüngster Stern am Bollywood-Filmhimmel erobert gerade die wunderbare Aishwarya Rai die Herzen in Bombay ebenso wie in London, New York und Paris.

Opulent ist Bollywood auch, wenn es um die Filmproduktion geht: In Indien entstehen jährlich 700-800 Filme – ein Vielfaches dessen, was in Europa oder in den USA produziert wird!

Tanz
Jeder, der Indien kennt, weiß, welche religiöse Bedeutung der Tanz dort hat. Die Tänzer selbst gelten als spirituelles Medium, das den Blick auf das Göttliche eröffnet.

Das Bollywood-Kino, das sich als Erbe dieser traditionellen Vorstellung versteht, nutzt – und missbraucht - äußerst laszive Tanzszenen, deren erotische, fast schon „orgasmische“ Anmutung mehr als eindeutig ist. Nackte Körper oder Küsse sind tabu auf den Leinwänden in Bombay oder anderswo, dafür sieht man schmachtvolle Choreografien, die männliche wie weibliche Betrachter vor Verzückung fast in Ohnmacht fallen lassen. Tänze und Gesänge voller Melancholie, Traurigkeit, Verzweiflung, erotischer Verzückung oder Glückseligkeit werden zu einer kodierten Sprache, einem Vektor der Emotionen, einem Substitut für den Liebesakt.




Update: 15/02/05 | Zum Seitenanfang |

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